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Rezension 1



25.02.12

Ellen Rachut und Siegfried Rachut:

Folgen sexueller Gewalt

Verstehen lernen – helfen lernen


Ulrike HELMER Verlag, 2004, 119 Seiten, ISBN 3-89741-141-5,
ca. 9,95 €

www.ulrike-helmer-verlag.de    Infos zum Buch

Tipp: Klickt man den Namen der Autorin an, dann erscheint ein kurzer Lebenslauf.

www.rachut.de   bzw.

   www.rachut.de/.....-Verstehen_lernen%2C_helfen_lernen

Ihre Therapie hat Ellen Rachut im Buch "Durch dichte Dornen" beschrieben:

www.ulrike-helmer-verlag.de    bzw.

http://helmer.txt9.de/.....Artikel/3-89741-213-6-Multi-20060901-161235.pdf

Inhaltsverzeichnis

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Inhalte der Rezension:

A:  Kurzkritik

B:
  Ausführliche Kritik:

     1.  Die Autoren

     2.  Auf was basiert das Buch?

     3.  An wen richtet sich das Buch?

     4.  Inhalt und Aufbau:

          4.1  Teil 1: „Verstehen lernen“

          
4.2  Anmerkungen

          4.3  Teil 2: „Helfen lernen“

          4.4  Anmerkungen

     5.  Was hat mir besonders gefallen?

     6.  Was hat mir nicht gefallen?

     7.  Wie ist das Buch geschrieben?

     8.  Wie wirkt es auf Verbündete?

     9.  Wem würde ich das Buch empfehlen?


C:
  Weiterführende Gedanken und Fragen:

     1.  Der Weg der Seele, Psyche

     2.  Die Geduld

     3.  Die Verbündeten-Rolle

     4.  Offene Frage zum Schluss

Inhalte

  
A:
  Kurzkritik

Folgen sexueller Gewalt“ ist ein gutes, wertvolles, liebevoll gemachtes, kleines Buch zum Thema sexueller Missbrauch.

Die Zusammenhänge zwischen Kindheitstrauma und den Folgen werden sehr verständlich dargelegt. Es werden nicht ausführlich viele Aspekte beschrieben, sondern die Autoren konzentrieren sich auf das Wesentliche.

Das Buch ist für den sanften, vorsichtigen Einstieg ins Thema sexueller Missbrauch bzw. sexuelle Gewalt bestens geeignet. Die Schwierigkeiten des Verstehens und des Helfens werden verdeutlicht.

Erfreulich für Verbündete: Siegfried Rachut beschreibt seinen persönlichen Weg als Ehemann und „Helfer“. Er gibt wertvolle Ratschläge für andere Partner.

  
B:
  Ausführliche Kritik:

  
1.
  Die Autoren

Ellen Rachut – Überlebende –, Siegfried Rachut – verbündeter Ehemann

Ellen Rachut
hat über 40 Jahre lang den sexuellen Missbrauch bzw. die sexuelle Gewalt verdrängt. Sie hat in dieser Zeit im Leben „funktioniert“ (Ausbildung, Arbeit, Ehe, Kinder etc.).

Sie fängt mit 52 Jahren eine Therapie an, da die ersten Erinnerungen hochkommen. Nach Jahren der Aufarbeitung kann sie schließlich von sich behaupten, dass sie geheilt ist.

Siegfried Rachut
muss sich nach 30 Jahren Ehe mit der Tatsache vertraut machen, dass er Partner einer Betroffenen ist – und dies auch schon immer war. Die großen Probleme im sexuellen Bereich der Beziehung finden allerdings endlich eine Erklärung.

Inhalte

  
2.
  Auf was basiert das Buch?

Es sind vor allem die persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse der beiden Autoren verarbeitet. Zudem wurden die Erfahrungen von anderen Betroffenen und verschiedene Literatur eingearbeitet.

  
3.
  An wen richtet sich das Buch?

Es ist ein Hilfsangebot an Überlebende und Verbündete.

  
4.
  Inhalt und Aufbau:

Der Titel „Folgen sexueller Gewalt“ sagt bereits alles. Im Mittelpunkt stehen die vielfältigen Probleme der Betroffenen. Das Ziel ist es, diese Schwierigkeiten zu verstehen und als Verbündeter sinnvoll helfen zu können.

Teil 1: „Verstehen lernen“ von Ellen Rachut (S. 11-73)

Teil 2: „ Helfen lernen“ von Ellen und Siegfried Rachut (S. 75-104)

Ich habe nachfolgend ein großes Augenmerk auf den 2. Teil bzw. die Verbündeten-Aspekte gelegt, obwohl sie im Buch nur etwa ein Drittel ausmachen.

  
4.1
  Teil 1: „Verstehen lernen“

Inhalt:

Ellen Rachut erklärt zu Beginn die Bedeutung des Traumas und geht auf die Folgeerscheinungen ein. Sie unterscheidet zwischen Folgen für die Persönlichkeit, für Beziehungen und für die Sexualität (II.).

Die Persönlichkeit
der Betroffenen kann z. B. stark von Gefühlen wie Angst, Scham und Schuld beeinflusst sein. Des Weiteren können Depressionen, gestörtes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, selbstschädigendes Verhalten (Ritzen, Essstörungen, Suizidversuche) und Suchterkrankungen als Folgen auftreten (III.).

Bei den Folgen für zwischenmenschliche Beziehungen
geht Ellen Rachut unter anderem auf Kontrolle, Grenzen und Vertrauen ein (IV.).

Die möglichen sexuellen Probleme
werden durch einige Aussagen von Betroffenen verdeutlicht (V.).

Die vielen möglichen körperlichen Folgen, wie z. B. Übelkeit, Schmerzen oder Hauterkrankungen, können laut Ellen Rachut eng mit den psychischen Problemen in Zusammenhang stehen (VI.).

Inhalte

  
4.2
  Anmerkungen zum 1. Teil

Ellen Rachut
beschreibt sehr verständlich die Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch in der Kindheit und den Folgeerscheinungen im Erwachsenenalter. Die Darstellungen ihrer eigenen Probleme und Erfahrungen werden zur Verdeutlichung durch Zitate anderer Überlebender ergänzt.

Sie geht z. B. auf ganz gewöhnliche körperliche Beschwerden ein, wie sie auch viele Nicht-Betroffene haben. Bei den Überlebenden steckt allerdings oftmals der sexuelle Missbrauch als Ursache dahinter. Der Körper dient hier als Erinnerungsmelder für die – irgendwann – anstehende Aufarbeitung.

Sie beschreibt die wichtige Rolle ihres Mannes auf dem Heilungsweg:

Er dient ihr oftmals als wertvoller Spiegel für die Realität. Der Austausch von Gedanken hilft ihr, die Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Ellen Rachut bietet Hilfestellungen bzw. Lösungsansätze an, die auf ihren eigenen Erfahrungen basieren.

Inhalte

  
4.3
  Teil 2: „Helfen lernen“

Inhalt:

Ellen Rachut
geht zuerst einmal auf Grundsätzliches ein. Zwei wichtige Aspekte für Überlebende sind die Eigenverantwortung und die sozialen Kontakte. Die „Helfer“ können sowohl zur Stärkung des Selbstbewusstseins der Betroffenen beitragen als auch die sozialen Kontakte fördern.

Wenn der Verbündete die Überlebende allerdings bevormundet oder in die Retter-Rolle schlüpft, dann werden Fortschritte behindert.

Ellen Rachut geht zudem auf Übertragung, Gegenübertragung und die Bedeutung des „An-die-Überlebende-glauben“ ein (I.).

Danach beschreibt Siegfried Rachut
seinen persönlichen Weg und seine Erkenntnisse als Helfer (S. 85-102). In den 30 Jahren Ehe und in der anschließenden Therapiezeit ist sein Umgang mit den Problemen durch Geduld, Akzeptanz und Verständnis geprägt.

Die Beobachtung
von außen kommt zur Sprache, denn vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei. Als Verbündeter kann er Entwicklungen, Veränderungen und Fortschritte sehen, die seiner Frau nicht immer bewusst sind. Seine emotionale Unterstützung basiert auf dem Sehen und Annehmen ihres inneren verletzten Kindes. Er spendet ihr oft Trost, indem er sie in den Arm nimmt.

Ablenkung und Freude
sollte man als Partner im Auge behalten. Verschnaufpausen und Kraftquellen sind sowohl für die Überlebende als auch für den Verbündeten wichtig. Die Ermutigung und Motivation der Betroffenen zu Freizeitaktivitäten ist wichtig. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass Ablenkung und Freude ggf. nur für kurze Zeit möglich sind, weil die Probleme sich ganz automatisch wieder bemerkbar machen.

Als Verbündeter kann man gegen ihre Schuldgefühle
arbeiten und zu deren Überwindung beitragen.

Siegfried Rachut spricht als letzten Punkt die Sexualität
an. In der gemeinsamen Sexualität gab es die größten Probleme, aus denen sich – gerade am Anfang der Ehe – Beziehungskrisen entwickelten. Die Akzeptanz der Schwierigkeiten und die gleichzeitige Hoffnung auf Veränderungen prägten hier seinen Weg als Helfer. Der Weg zur sexuellen Heilung ist lang, aber für ihn sind kleine Fortschritte erkennbar (II.).

Anschließend stellt Siegfried Rachut kurz seine 12 Grundlagen für Helfer
vor, die dauerhafte Unterstützung ermöglichen. Demnach ist es z. B. sinnvoll, die eigenen Emotionen einzuschränken, Distanz zum Missbrauchsgeschehen zu haben, mitzufühlen statt mitzuleiden und sich vor Überforderung zu schützen. Zudem ist es sinnvoll, die eigenen Interessen und die Arbeit nicht zu vernachlässigen, die Therapeutenrolle abzulehnen, sich Freiräume zu erhalten und sich dem Leben zuzuwenden.

Ellen Rachut betont hierbei den positiven Effekt des Grenzensetzens. Der Verbündete wird dadurch glaubwürdiger, authentischer (III.).

Siegfried Rachut zählt zum Abschluss seines Beitrages kurz 9 positive Langzeitwirkungen
auf, die er selbst erfahren durfte. Er hat z. B. viel dazugelernt und damit begonnen, sich seinen eigenen leidvollen Lebenserfahrungen zuzuwenden. Zudem ist er toleranter, offener, sensibler und geduldiger geworden.

Ellen Rachut ergänzt, dass seine Veränderung letztlich zu einer stärkeren Bindung geführt hat (IV.).

Sie gibt zum Schluss einen optimistischen Ausblick auf die Früchte der Aufarbeitung. Das Ziel der Mühen ist ein neues Leben. Ein Leben, das man selbst in der Hand hat und das nicht mehr von der Vergangenheit bestimmt wird (V.).

Am Ende des Buches befinden sich ein paar Texte und Bilder von Überlebenden und ein Beitrag einer Verbündeten.

Katharina
eine Helferin – gewährt dem Leser einen kurzen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Sie ist Anna emotional sehr nahe, was allerdings zeitweise sehr schwer auszuhalten ist. Katharina möchte unbedingt wissen, was in ihr vorgeht, wo sie steht, was sie fühlt. Die offenbarten Kindheitserlebnisse bereiten ihr einerseits selbst Schmerzen und andererseits ermöglicht ihr die große emotionale Nähe einen ganz besonderen Weg der Begleitung (VI.).

Inhalte

  
4.4
  Anmerkungen zum 2. Teil

Ellen Rachut
spricht klar und verständlich das an, worauf es ankommt: die Stärkung des Selbsts (Selbstbewusstsein, Selbstwert, Selbstachtung) der Überlebenden. Dies ist zum großen Teil die Aufgabe der Überlebenden selbst, aber alle Verbündeten können dazu einen gewissen Beitrag leisten – oder im schlechtesten Falle auch blockierend einwirken.

Das Dilemma des Helfers wird deutlich: Wie kann man sinnvoll helfen, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten? Der Verbündete steht hier oftmals vor schwierigen Entscheidungen: Soll er nun „hilfreich“ eingreifen? Dies kann als Einmischung empfunden werden. Soll er die Überlebende lieber machen lassen, obwohl es „bessere“ Wege gibt? Dies ist sicherlich schwer auszuhalten. Soll er sie zu etwas ermutigen? Dies kann als Druck aufgefasst werden.

Das komplizierte Zusammenspiel von Überlebender und Verbündetem wird anschaulich dargestellt. Große Gefahren, wie das Helfersyndrom oder Co-Abhängigkeit beim Verbündeten und die Abhängigkeit bei der Überlebenden, werden verdeutlicht. Dem Verbündeten stellen sich schwierige Aufgaben: sich der Übertragungen bewusst sein, diese verstehen und eine Verstrickung in ihre Probleme vermeiden bzw. sich sinnvoll abgrenzen.

Siegfried Rachut
geht ebenfalls auf die Zusammenhänge zwischen dem sexuellen Missbrauch und den Folgen ein. Zu verstehen, wie die Überlebende empfindet, das ist die Basis für das Helfen.

Seine Ratschläge sind wichtige und wertvolle Ansätze, um Co-Abhängigkeit für sich als Verbündeten zu verhindern.

Die Geduld ist einer der wichtigsten Bausteine für seine Begleitung.

Er zeigt die Grenzen des Helfens auf und veranschaulicht die Bedeutung des Humors bei der Bewältigung von Problemen.

Das Thema Sexualität ist in der Partnerschaft ein Problembereich, aber kein Scheidungsgrund. Siegfried Rachuts Geduld und Akzeptanz sind hier wichtige Faktoren für das Zusammenbleiben.

Inhalte

  
5.
  Was hat mir besonders gefallen?

1.  Ellen und Siegfried Rachuts Zusammenarbeit und Zusammenhalt auf dem Heilungsweg

2.  der Einblick in die Partnerschaft mit einem betroffenen Menschen – allgemein und konkret in die Beziehung der Autoren

3.  die tiefe, gewachsene emotionale Verbundenheit, die unerschütterliche Liebe zwischen den beiden Menschen

Sie dient als Fundament und Kraftquelle. Die Ehe steht niemals ernsthaft in Frage – vor allem nicht nach 30 Jahren gemeinsam zurückgelegten Weges.

4.  das gemeinsame Wachsen an den Herausforderungen, Aufgaben und Schwierigkeiten

5.  Siegfried Rachuts Weg vom Unwissenden zum erfahrenen Verbündeten und seine damit verbundene persönliche Weiterentwicklung

6.  Siegfried Rachuts Tipps für Verbündete

Sie eignen sich allesamt, um dem Helfersyndrom und der Co-Abhängigkeit vorzubeugen.

7.  die Darstellung der Schnittmenge zwischen „normalen“ Menschen und Überlebenden

Überlebende sind – auch – ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen. Allerdings kann bei ihren körperlichen Beschwerden ein Trauma dahinterstecken, das sich aus dem Unterbewusstsein meldet.

8.  die sehr kompakte Darlegung der verschiedenen Aspekte

9.  die Aussage von Ellen Rachut, sie sei geheilt

Inhalte

  
6.
  Was hat mir nicht gefallen?

1.  das Ausklammern von Posttraumatischer Belastungsstörung, Multipler Persönlichkeitsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung

Überlebende mit diesen Diagnosen werden sich bzw. ihre Beschwerden leider nur teilweise im Buch wiederfinden.

Ich denke, es gibt für jede Überlebende-Verbündeter-Partnerschaft sowohl wichtige Schnittmengen mit ganz normalen Partnerschaften als auch mit sehr schwierigen Partnerschaften bzw. mit Beziehungen zu Menschen, die unter schweren psychischen Erkrankungen als Folge des Traumas leiden.

Bei den schwerwiegenden Erkrankungen sind verschiedene Folgen viel leichter wahrnehmbar bzw. viel offensichtlicher – wenn auch nicht unbedingt leichter zu verstehen.

Selbstverständlich ist die Beschränkung auf einige Folgen des sexuellen Missbrauchs notwendig, um den kompakten Rahmen nicht zu sprengen und ein leicht lesbares Buch zu erhalten.

2.  das Fehlen einer ausführlichen Beschreibung der Risiken und Gefahren

Der Blick auf die „dunklen Seiten“ bei Überlebenden, bei Verbündeten und in der Beziehung ist meines Erachtens ebenfalls wichtig.

Verzweiflung, Trennungsgedanken, Beziehungskrisen, Verletzungen, Untreue, Aggressionen, Gewalt etc. können selbst in ganz „normalen“ Beziehungen auftreten. Die Gefahren in einer bzw. für eine Überlebende-Verbündeter-Beziehung sind durch die vielfältigen Belastungen mit Sicherheit um ein Vielfaches größer.

Auch eine langjährige – fast lebenslange – Beziehung kann durch die Erinnerung an sexuellen Missbrauch zerstört werden. Ich vermute, dass viele Beziehungen tatsächlich in die Brüche gehen. Die Liebe kann diese Belastung überstehen, aber auch daran zerbrechen.

Für den Leser ist es natürlich wenig motivierend und kaum aufbauend, wenn er ausführlicher über die Risiken informiert wird.

Wenn in der Beziehung allerdings bereits einiges schiefläuft – alle erdenklichen Ratschläge und Vorsätze nicht gefruchtet haben –, dann muss dies rechtzeitig erkannt werden, damit ein Krisen-Management noch möglich ist.

Es ist sehr wichtig, die positiven Seiten des Lebens, der Beziehung und des Helfens wahrzunehmen, um auf Dauer mit den Problemen umgehen zu können. Die „dunklen Seiten“ dürfen dabei jedoch nicht übersehen werden.

Inhalte

  
7.
  Wie ist das Buch geschrieben?

Beide Autoren schreiben sehr verständlich. Literaturverweise sind auf das Nötigste beschränkt. Die Zitate von Betroffenen sind sehr treffend eingearbeitet. Die Autoren sind recht selbstkritisch: Ellen Rachut ist sich der kurzen Abhandlungen einiger Themen bewusst und Siegfried Rachut weist ausdrücklich darauf hin, dass sein Weg als Helfer ein ganz persönlicher ist.

  
8.
  Wie wirkt es auf Verbündete?

Das Buch kann neue Einblicke geben, zum Verstehen beitragen und bereits vorhandene Erkenntnisse und Erfahrungen bestätigen.

Es ist wertvoll für Verbündete, weil die Partnerschaft sehr positiv dargestellt wird und der Verbündete ebenfalls umfangreich zu Wort kommt.

Im Nachhinein macht es nachdenklich: Ich habe mir die Frage gestellt, ob es wirklich sinnvoll ist, 30 Jahre geduldig abzuwarten.

Die große Liebe der beiden Menschen ist zweifellos bewundernswert. Aber es stellt sich auch die Frage, ob zu viel Rücksicht, Verständnis und Akzeptanz des (potentiellen) Verbündeten den Start des Heilungsprozesses auch verzögern können.

Die 30-40 Jahre Verdrängung und die anschließende jahrelange Therapiezeit können sowohl motivierend als auch demotivierend auf Verbündete wirken.

Die im Buch enthaltenen Ratschläge für die Verbündeten sind als Anregungen zu verstehen. Es steht nicht drin, was man tun muss oder was man nicht tun darf. Jeder Verbündete muss letztlich seinen ganz persönlichen Weg finden und sich dafür immer wieder Anregungen suchen.

  
9.
  Wem würde ich das Buch empfehlen?

Allen Verbündeten kann es ein Stück weiterhelfen – besonders denen, die sich in einer ganz ähnlichen Situation wie die Rachuts befinden.

Potentielle Verbündete, die sich Gedanken machen, ob die Probleme der Partnerin möglicherweise auf sexuellen Missbrauch oder ein anderes Trauma zurückzuführen sind, können wertvolle Anregungen bekommen. Die „30 Jahre“ können diese Partner allerdings auch erschrecken.

Inhalte

  
C:
  Weiterführende Gedanken und Fragen:

  
1.
  Der Weg der Seele, Psyche

Ellen Rachuts Seele verdrängt jahrzehntelang die traumatischen Erlebnisse, um ihr erst einmal ein eingeschränktes Leben zu ermöglichen.

Die Aufarbeitung wird aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Nach 30-40 Jahren des „Funktionierens“ sind allerdings als „Ergebnis“ optimale Lebensumstände für die Heilung vorhanden. Solch hervorragende Voraussetzungen haben Überlebende wahrscheinlich nur sehr selten.

Der geduldige, verständnisvolle, rücksichtsvolle Ehemann, die mithelfenden Kinder, eine sehr gute Freundin, sie alle sind wichtige „Helfer“ auf ihrem Heilungsweg. Sie bilden ein starkes soziales Netz, welches den tiefen Fall abfedern kann. Sie bieten ihr den geschützten, gesicherten Rahmen, um zu gesunden.

Diese „Strategie“ der Seele ist eine faszinierende und geniale Leistung. Es ist einerseits eine Erfolgsgeschichte und andererseits auch ein langer und stiller Leidensweg.

Vergleichbare Wege der Seele sind z. B. das Abwarten, bis der Täter verstorben ist oder bis die Kinder groß sind. Die Heilungsarbeit beginnt somit erst dann, wenn die Voraussetzungen stimmen und genügend Zeit und Kraft zur Verfügung stehen.

Die Überlebende – ihre Seele – ist irgendwann so weit, der Welt ihre Verletzungen zu zeigen bzw. ihrer eigenen Geschichte ins Auge zu blicken.

Das Leiden, das Verdrängen und das Aufarbeiten bzw. der unbewusste und bewusste Umgang mit dem Trauma sind sicherlich bei jeder Überlebenden ganz individuell.

Zeitpunkt des Endes der Verdrängung:

Die Seele kann auch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt – z. B. vor der Errichtung eines stabilen sozialen Netzes – Erinnerungen hochkommen lassen. Dies ist wahrscheinlich weit häufiger der Fall. Für diese Überlebenden ist dann möglicherweise erst einmal für Jahre oder gar Jahrzehnte Stabilisierung und Aufarbeitung des Traumas angesagt. Ausbildung, Arbeit, Partnerschaft, Kinder etc. müssen in diesem Fall eventuell verschoben werden. Einige Lebensziele sind zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht gar nicht mehr realisierbar.

Eine jahrzehntelange sehr hohe Funktionalität in verschiedenen Lebensbereichen (Ausbildung, Arbeit, Ehe, Erziehung etc.) wird für viele Überlebende mit schweren Erkrankungen, schweren Behinderungen oder Erwerbsunfähigkeit sicherlich ein unerfüllbarer Wunschtraum bleiben.

Die Kraft reicht bei manchen Überlebenden nur für wenige Lebensbereiche gleichzeitig bzw. gleichermaßen. Es ist dann schier unmöglich, Beziehungen, Arbeit und Therapie bzw. Heilungsarbeit parallel zu meistern.

Vermutlich gibt es auch Überlebende, die solch unglaubliche Stärken besitzen, dass sie die Missbrauchserlebnisse komplett „wegstecken“ können.

Es ist durchaus möglich, über Jahre oder Jahrzehnte körperliche Beschwerden zu erdulden oder zu verdrängen. Den Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen Problemen herauszufinden, dies kann ein sehr langer Weg sein.

Vielleicht wünscht sich so manche Überlebende, dass das Trauma nie aus dem Unterbewusstsein aufgetaucht wäre, da sie lieber die „Nebenwirkungen“ (z. B. Migräneanfälle) weiterhin – vielleicht ein Leben lang – ertragen hätte.

Inhalte

  
2.
  Die Geduld

Sie ist in Überlebende-Verbündeter-Beziehungen ein sehr wichtiger Faktor – vor allem die Geduld des Verbündeten.

Geduld birgt meiner Meinung nach auch Gefahren in sich – wenn z. B. geduldig und untätig abgewartet wird, bis die Selbstheilung einsetzt bzw. wirkt. Die Zeit kann solch tiefe Wunden nicht heilen, Belastungen verschwinden nicht einfach irgendwann. Es bleibt ein harter therapeutischer Weg, um die vielfältigen Folgen des sexuellen Missbrauchs zu überwinden.

Viel Zeit für die eigene „Heilungsarbeit“ zu haben bzw. zu bekommen und sich als Betroffene selbst zuzugestehen, das ist sehr wichtig.

Die Geduld des Verbündeten:

30 Jahre geduldig warten, keinen Druck ausüben, sexuelle Probleme in der Partnerschaft hinnehmen, nicht auf eine Therapie drängen: Ist dies der richtige Weg?

Wahrscheinlich ist es sowohl für Überlebende als auch für Verbündete im Nachhinein schwierig, sich zu überlegen, wie man hätte schneller heilen oder besser helfen können. Beide Partner gehen den für sie gehbaren, möglichen Weg.

2 hypothetische Fragen dazu:

Wie wäre wohl Ellen Rachuts Leben ohne solch einen geduldigen Partner verlaufen?

Wie hätte sich wohl mehr Druck von Seiten ihres Ehemannes ausgewirkt?

Vielleicht …

  >  wären viel früher Erinnerungen an den Missbrauch hochgekommen.

  >  hätte sie viel früher eine Therapie angefangen, ihre Aufarbeitung gestartet.

  >  hätten sich ihre Probleme somit nicht verfestigen können.

Möglicherweise wäre aber auch als Reaktion auf den Druck von außen eine noch stärkere Verdrängung aktiviert worden – gar bis ans Lebensende. Denkbar wäre auch ein Rückzug bzw. eine Trennung und die nachfolgende Suche nach einem geduldigeren Partner.

Auf diese beiden in die Vergangenheit gerichteten Fragen gibt es selbstverständlich keine Antworten.

Ähnliche Fragen stellen sich aber mit Sicherheit so manchem Verbündeten und potentiellen Verbündeten:

Sollte man sanften Druck ausüben, damit die Überlebende sich an ihre Aufarbeitung bzw. in Therapie begibt – oder besser nicht?

Für jede Überlebende und jeden Verbündeten ist es eine große Herausforderung, die Balance zwischen dem aktiven Kampf gegen die Schwierigkeiten und der Akzeptanz der Probleme zu finden.

Fortschritte auf dem Heilungsweg lassen sich wohl kaum erzwingen – man kann aber auch in der Erstarrung verharren und notwendige Schritte unterlassen.

Inhalte

Parallelen zu meinem Weg als Verbündeter:

Siegfried Rachuts Umgang mit den Problemen und seine Art der Begleitung sind meiner Vorgehensweise bzw. meiner Strategie zum Teil recht ähnlich.

Ich übe zeitweise einen gewissen Druck aus, um zu schauen, ob dadurch etwas in Bewegung kommt. Aber letztlich gebe ich meiner Partnerin die Zeit, die sie zum Stabilisieren, zum Wachsen und zum Heilen benötigt.

  
3.
  Die Verbündeten-Rolle

Siegfried Rachuts Ausführungen sind für mich in Ansätzen widersprüchlich – gerade was die unterschiedlichen Bedürfnisse angeht. Aber auch beim Verbündeten sind ein gewisses Maß an Verdrängung und die Konzentration auf positive Aspekte im Leben und in der Beziehung durchaus verständlich und wichtig. Der Spagat zwischen Leiden und Nicht-Leiden bzw. zwischen ihren Bedürfnissen und den eigenen Bedürfnissen, der ist für jeden Verbündeten eine enorm große Herausforderung. Man kann mal im Helfen aufgehen, aufblühen und zufrieden sein, aber auch mal das Helfen satt haben. Ich vermute, dass bei den meisten Verbündeten beide Gefühlszustände zeitweise vorhanden sind.

Als Verbündeter kann man eine sehr hohe Anpassungsleistung vollbringen, sehr viel an Lebenserfahrung gewinnen und eigene Stärken ausbauen. Der Überlebenden zu helfen, das kann dem Verbündeten guttun. Allerdings bleiben dabei möglicherweise eigene Bedürfnisse und Interessen auf der Strecke.

Überfordert zu werden, sich selbst zu überfordern, viele negative und leidvolle Erfahrungen zu machen, dies kann zum Ausbrennen und zur Gefährdung der eigenen Gesundheit führen. Gewisse Risiken bestehen wohl zeitweise für jeden Helfer.

Es ist wichtig, sich zeitweise die Defizite bzw. Einschränkungen in der Beziehung oder im Leben bewusstzumachen und die damit verbundenen Gefühle (Frust, Trauer, Wut etc.) zuzulassen.

Genauso wichtig ist es, die neuen Möglichkeiten bzw. Ausgleichs­möglichkeiten zu sehen und Positives wahrzunehmen. Beide Seiten – Licht und Schatten – gehören zum Gesamtbild dazu.

Inhalte

  
4.
  Offene Frage zum Schluss

Auf der Rückseite des Buches steht, dass die Rachuts 30 Jahre ein glückliches Paar waren. Dies deckt sich nicht ganz mit Ellen Rachuts Aussage zu ihren psychischen und körperlichen Beschwerden und Siegfried Rachuts Aussage zu den sexuellen Problemen in der Beziehung.

Für mich stellt sich die Frage, ob die Ehe tatsächlich dauerhaft als glücklich empfunden wurde oder ob diese Formulierung etwas unglücklich ausgewählt wurde.

25.02.12





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