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Warum gibt es so wenig Verbündete im Netz?



29.07.11

Inhalt:

1.  Einleitung


2.  Zwanzig Hindernisse, Ursachen, gute Gründe:

     2.1  Anonymität

     2.2  Die Beziehung ist sehr belastet

     2.3  Probleme und Gefühle reflektieren

     2.4  Fehlendes Einverständnis der Überlebenden

     2.5  Überlebende haben Vorrang

     2.6  Schlechte Erfahrungen

     2.7  Beendete Selbsthilfe-Projekte

     2.8  Vergebliche Suche

     2.9  Fachmännische Hilfe wird bevorzugt

     2.10  Glaube

     2.11  Foren-Eigenschaften

     2.12  Chat-Eigenschaften

     2.13  Fremdwörter + Regeln

     2.14  Scham

     2.15  Angst, Lähmung, Sprachlosigkeit

     2.16  Sein Leid klagen

     2.17  Mehrere Problemfelder

     2.18  Erkenntnis der Individualität

     2.19  Homepage-Bau

     2.20  Liebe

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3.  Männer:

     3.1  Anteil der Männer unter den Verbündeten

     3.2  Männer als Verbündete

     3.3  Gefühle ausdrücken + Hilfe annehmen

     3.4  Männer unter sich als Ratgeber

     3.5  Verdrängen der Probleme

     3.6  Machtlosigkeit

     3.7  Selbstzweifel als Mann


4.  Glückliche Verbündete


5.  Ex-Verbündete


6.  Neu-Verbündete


7.  Potentielle Verbündete:

     7.1  Unklare Ursachen der psychischen Belastung

     7.2  Zukünftige Verbündete

     7.3  Mehrere Beziehungen zu Überlebenden

     7.4  Schweigende Überlebende


8.  Schlusswort und Ausblick


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1.  Einleitung

Wo sind die ganzen Verbündeten? Diese Frage haben sich auch schon andere vor mir gestellt. Gerade in den Foren zum Thema sexueller Missbrauch bzw. sexuelle Gewalt taucht diese Frage immer mal wieder auf. In diesem Text geht es um die möglichen Ursachen, warum es so wenig Homepages von Verbündeten gibt und warum so wenig Verbündete in den bestehenden Foren aktiv sind.

Nach meiner persönlichen Erfahrung sind erstaunlich viele Überlebende und im Gegensatz dazu nur wenige Verbündete im Netz aktiv. Es gibt sehr viele Menschen, die sexuellen Missbrauch bzw. sexueller Gewalt erlitten haben. Also gibt es auch eine sehr große Anzahl von Menschen, die als Partner, Angehöriger, Freund etc. einer Überlebenden zur Seite stehen.

Natürlich gibt es viele Verbündete im Netz. Allerdings sind diese halt nicht als Verbündete aktiv.

Es kostet enorme Überwindung, sich öffentlich als Partner einer missbrauchten Frau darzustellen, selbst wenn dies anonym geschieht.

Mir selbst ging es auch nicht anders. Dieser erste Schritt ist unglaublich schwer.

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2.  Zwanzig Hindernisse, Ursachen, gute Gründe:

  
2.1  Anonymität

Die Möglichkeit der Anonymität im Internet ist sicherlich ein großer Vorteil. Risiken im Datenschutz gibt es allerdings schon.

Technisch gesehen gibt es keine Anonymität im Netz:

Man kann sich eine Phantasie-E-Mail-Adresse zulegen, dann hat der Anbieter die echten Daten. Zudem können E-Mails, die nicht verschlüsselt sind, auf dem Weg zum Empfänger abgefangen bzw. ausgelesen werden. Geht man von zu Hause aus ins Netz, dann wird man durch die IP-Adresse identifiziert. Baut man sich eine Homepage, so braucht zumindest der Domain- oder Sub-Domain-Hoster die echten Personalien.

Entweder man hat Vertrauen in den sorgsamen Umgang mit persönlichen Daten oder man geht halt doch ganz bewusst ein gewisses Risiko ein. Für Überlebende, die akut bedroht sind, ist dies eine noch weitaus schwierigere Entscheidung.

Wie sieht es zu Hause am PC aus?

Computer und Internet werden heute in der Regel von allen Familien­mitgliedern genutzt. Wenn diese sich mit der Technik besser auskennen, dann können sie auch sehen, wo ich mich im Internet aufhalte oder gar an wen ich Mails verschicke.

Risiken der anonymen Selbsthilfe:

Ein Nachteil der Anonymität ist die Unsicherheit, ob das, was andere von sich behaupten, auch wirklich stimmt oder doch frei erfunden ist. Es ist oft vollkommen unklar, wer mir da einen Rat gibt und wie er zu seinen Erkenntnissen gelangt ist.

Es gibt im Netz Foren, die vollkommen öffentlich sind. Jeder kann dort lesen oder sogar etwas schreiben. Die Seiten bzw. Beiträge werden zum Teil auch von Suchmaschinen ausgewertet. Schreibt man dort aus Gewohnheit bzw. aus Versehen seinen richtigen Namen unter ein Posting, dann ist es mit der Anonymität vorbei. Unter Umständen sind diese Informationen nur schwer wieder aus dem Netz zu bekommen.

Ist meine Anonymität gewahrt? Wenn ich viel über mich schreibe, auch persönliche Details, dann kann mich tatsächlich jemand erkennen.

  
2.2  Die Beziehung ist sehr belastet

Ist die Beziehung durch die Folgen des sexuellen Missbrauchs schwer belastet, dann kostet das Lesen der Schicksale anderer Überlebenden und Verbündeten eher zusätzlich Kraft.

Die Beschäftigung mit sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt ist anstrengend. Das Lesen eines Buches zum Thema kann bereits zum Kraftakt werden. Sich zeitweise nicht mit sexuellem Missbrauch zu beschäftigen, das kann durchaus ein sinnvoller Selbstschutz sein.

Ist der Alltag bereits ausgefüllt (Arbeit, Haushalt, Kinder etc.), dann fehlen schlicht die Zeit und die Energie, um sich zu informieren und aus­zutauschen. Die wenige Freizeit wird in diesem Falle sinnvollerweise genutzt, um für sich selbst etwas zu tun und Kraft zu tanken. Dem Thema sexueller Missbrauch sollte grundsätzlich nicht mehr Zeit und Raum im Leben überlassen werden, als es unbedingt notwendig ist.

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2.3  Probleme und Gefühle reflektieren

Es kann sehr schmerzlich sein, als Verbündeter sein eigenes Verhalten und eigene Probleme, die mit sexuellem Missbrauch möglicherweise gar nichts zu tun haben, anzuschauen.

Als Partner z. B. auf sein eigenes Alkohol- oder Drogenproblem an­gesprochen zu werden, das ist unangenehm.

Sich seine eigenen Gefühle klarzumachen, gerade auch negatives Fühlen wie Wut, Verzweiflung oder Angst, das kann anfangs eine zusätzliche Belastung sein.

  
2.4  Fehlendes Einverständnis der Überlebenden

Ist die Betroffene strickt dagegen, dass sich ihr Partner mit anderen Verbündeten austauscht, dann muss erst noch ein Kompromiss gefunden werden.
Die Überlebende möchte z. B. nicht, dass der Partner hinter ihrem Rücken über sie und ihre Probleme spricht und Privates weitergibt.
Wenn sich die Überlebende viel austauscht, auch über Beziehungsfragen, dann findet sie gegebenenfalls selbst auch Antworten auf die Fragen, die sich der Partner stellt.
Ein Selbsthilfe-Forum kann dann aber trotzdem zumindest zum Lesen genutzt werden.
Die Überlebende entscheidet grundsätzlich, wie mit dem Thema sexueller Missbrauch umgegangen wird. Möglicherweise möchte sie nur die Familie oder den Partner einweihen.

Das Gegenteil:

Überlebende weisen den Partner darauf hin, doch mal aktiv zu werden und sich mit dem Thema sexueller Missbrauch bzw. sexueller Gewalt zu beschäftigen.

  
2.5  Überlebende haben Vorrang

Der Raum zum Austauschen gehört den Überlebenden, die Aufmerksamkeit gebührt den Betroffenen. Die Partner und Angehörigen kommen erst an zweiter Stelle.
Das Leid und die Sichtweisen der Überlebenden sollten zuerst mal ihren Platz haben. Die Hilfsangebote für Überlebende sollten hauptsächlich unterstützt werden.

Gerade als Mann sollte man sich nicht in den Vordergrund stellen, da die Täter meist Männer sind. Alleine die Anwesenheit eines Mannes kann bei Überlebenden schon Angst auslösen. Viele Überlebende leben noch in Angst vor Nachstellungen.

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2.6  Schlechte Erfahrungen

Schlechte Erfahrungen im bisherigen Austausch über sexuellen Missbrauch können zu einem Rückzug führen. Sowohl im realen Leben, z. B. das Gespräch mit Freunden oder in einer Selbsthilfegruppe, als auch im Internet kann der Austausch eher unbefriedigend verlaufen.

Beispiele:

   >
mangelndes Verständnis für die persönliche Beziehungssituation

   >
harte Kritik am Verhalten oder Fühlen des Verbündeten

   >
keine guten Ratschläge bekommen bzw. sich im Kreis drehen

   >
Abbruch des Austauschens, da die andere Beziehung zerbrochen ist


Sich persönlich zu öffnen und vielleicht harte Kritik zu bekommen oder sogar verletzt zu werden, diese Gefahren bestehen im Selbsthilfe-Austausch immer. Vielleicht wird man selbst verletzt oder man verletzt andere unabsichtlich. Selbsthilfe-Angebote sind keine therapeutischen Angebote. Schlechte Ratschläge zu bekommen oder selbst zu geben, das ist natürlich möglich.

Sensible und vorsichtige Verbündete lassen sich möglicherweise von den Gefahren und Risiken abschrecken.

  
2.7  Beendete Selbsthilfe-Projekte

Es gibt einige inaktive Websites speziell für Verbündete und auf Homepages findet man tote Links zu diesen Angeboten. Dies erweckt den Eindruck, dass es vielleicht gar keine Verbündeten mehr im Netz gibt.

Projekt verfehlt das Ziel:

Selbsthilfe-Projekte speziell für Verbündete sind meist nicht auf Dauer ausgelegt. Bei einer Änderung der privaten Situation kann das Projekt recht schnell aus dem Netz verschwinden. Als Überlebende muss man sich möglicherweise ein Leben lang mit sexuellem Missbrauch und den Folgen auseinandersetzen. Als Ex-Verbündeter hat man allerdings die Möglichkeit, das Thema hinter sich zu lassen.

Im schlechtesten Fall führt das Projektende bei Verbündeten zur Erkenntnis, dass Beziehungen zu Überlebenden überhaupt nicht dauerhaft möglich sind.

Es
wird deshalb lieber auf Austausch verzichtet, um nicht durch die negativen Erfahrungen anderer Verbündeter bzw. Ex-Verbündeter sein eigenes Beziehungsleben noch kritischer zu sehen.

Projekt erreicht das Ziel:

Bei großen Fortschritten auf dem Heilungsweg der Überlebenden sind die Selbsthilfe-Projekte ebenfalls überholt, weil sich der Zweck der Homepage oder des Forums erfüllt hat.

Zu viel Erfolg eines Angebots:

Ein Forum, das ständig wächst, bringt viel Arbeit und Kosten mit sich. Die Arbeit ist dann möglicherweise gar nicht mehr zu leisten und es muss z. B. ein Aufnahmestopp für neue Mitglieder verhängt werden. Große Homepages und Foren können auch schnell unübersichtlich werden.

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2.8  Vergebliche Suche

Das Internet expandiert ständig und wird zunehmend unübersichtlicher. Schnell das zu finden, was man sucht, wird immer schwieriger.

Verbündete finden zum Teil die Angebote zur Selbsthilfe (Homepages + Foren) einfach nicht.

Fehlende Infos:

Homepages zum Thema sexueller Missbrauch, auf denen keine Infos, keine Links oder nur tote Links zu Homepages und Foren speziell für Partner und Angehörige sind, erwecken den Eindruck, dass das Thema Partner und Angehörige nicht so wichtig ist.

Die im Netz aktiven Überlebenden, Organisationen, Vereine etc. bestimmen hier auch ein Stück weit den Umgang mit den Verbündeten.

Andererseits ist dies auch verständlich, gerade wenn die Überlebenden Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen mit Angehörigen bzw. in der Partnerschaft gemacht haben. Überlebende leben möglicherweise gar keine Beziehung, weil dies zu belastend wäre.

Überlebende müssen grundsätzlich erst mal auf sich achten und für ihren eigenen Heilungsweg kämpfen.

Es gibt im Netz sehr viele Homepages und Foren zum Thema sexueller Missbrauch bzw. sexuelle Gewalt. Die relativ geringe Anzahl von Verbündeten verteilt sich demnach auf viele Angebote, so dass sich die Verbündeten kaum begegnen.

Suche nach bestimmten Verbündeten:

Ist man hauptsächlich auf der Suche nach Verbündeten, die eine ver­gleichbare Beziehungssituation leben, dann wird die Suche noch schwieriger. Das exakte Gegenstück zur eigenen Beziehung wird es kaum geben.

  
2.9  Fachmännische Hilfe wird bevorzugt

Wenn die Qualität und der Nutzen von Selbsthilfeangeboten angezweifelt werden, dann nimmt man nur fachmännische Beratung in Anspruch. Bei der professionellen Unterstützung (Therapeut, Arzt, Sozialarbeiter etc.) gibt es zudem gesetzliche Regelungen zur Schweigepflicht bzw. zum Datenschutz.

In einer sehr komplizierten und belastenden Beziehungssituation ist ein Fachmann tatsächlich die bessere Adresse. Die Selbsthilfe im Internet sollte dann nur als zusätzliche Unterstützung genutzt werden.

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2.10  Glaube

Der Glaube kann eine große Unterstützung auf dem Lebensweg sein. Eine Glaubensgemeinschaft kann einem Menschen den notwendigen Halt geben.

  
2.11  Foren-Eigenschaften

Das Schreiben von Beiträgen in Foren liegt nicht jedem. Es braucht Zeit, bis man seine Gedanken und Gefühle formuliert hat. Man weiß auch nie, welche Reaktionen man bekommt.

Es ist grundsätzlich ein längerer Prozess, bis man sich mit dem Thema sexueller Missbrauch auseinandersetzen kann. Es kostet Überwindung, etwas darüber zu lesen oder dazu zu schreiben.

Für den ersten aktiven Umgang mit dem Thema Missbrauch kann der Austausch in einem geschützten Übungsfeld hilfreich sein.

Die Gedanken anderer Überlebender zu lesen, das kann dazu beitragen, die eigene Partnerin besser zu verstehen.

  
2.12  Chat-Eigenschaften

Im Chat ist ein direkter und schneller Austausch möglich.

Hier kann es schneller zu Missverständnissen kommen, diese können aber auch schneller geklärt werden. Eine genaue Terminabsprache ist hier unumgänglich.

  
2.13  Fremdwörter + Regeln

Trigger, Flashback, medizinische Fachbegriffe etc.

Will man sich über sexuellen Missbrauch austauschen, so muss man sich erst mal mit einigen Fremdwörtern und Verhaltensregeln vertraut machen.

  
2.14  Scham

Man kann sich schämen, dass man mit einem psychisch belasteten Menschen zusammen ist. Man kann sich schämen, dass die Partnerin ihre Probleme nicht lösen kann oder sich auffällig verhält.

Aus Scham hält man die psychische Belastung der Partnerin möglicherweise selbst vor Freunden geheim.

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2.15  Angst, Lähmung, Sprachlosigkeit

Angst, Misstrauen, Scham, Sprachlosigkeit etc. bei der Überlebenden können sich auf den Partner übertragen. Überlebende überlegen es sich sehr gut, wann und mit wem sie über ihren erlittenen sexuellen Missbrauch bzw. ihre sexuelle Gewalterfahrung sprechen. Der Verbündete verhält sich dem­entsprechend genauso vorsichtig. Die Überlebende bestimmt grundsätzlich die Art und das Tempo ihrer Aufarbeitung und ihrer Therapie.

  
2.16  Sein Leid klagen

Man will andere Menschen nicht mit seinen Sorgen belästigen.

Sein Leid zu beklagen, das ist allerdings für Überlebende und Verbündete gleichermaßen entlastend. Es ist wichtig, jemanden zu finden, der in der Lage ist, die Sorgen auch aufzufangen.

  
2.17  Mehrere Problemfelder

In der Partnerschaft sind noch weitere Probleme (Arbeitslosigkeit, Sucht etc.) vorhanden, die ebenfalls bearbeitet werden müssen.

Es gibt wohl kaum eine Beziehung, in der nur die Folgeerscheinungen des sexuellen Missbrauchs ein Problem darstellen.

  
2.18  Erkenntnis der Individualität

Die Erkenntnis, dass jede Beziehung zu einer Betroffenen von sexuellem Missbrauch etwas ganz Einmaliges ist, kann dazu führen, sich nicht weiter auszutauschen.
Es müssen tatsächlich in jeder Partnerschaft ganz individuelle Wege gefunden werden. Die Selbsthilfe und die Hilfsmöglichkeiten durch den Austausch von Erfahrungen sind mit Sicherheit beschränkt.

  
2.19  Homepage-Bau

Es gibt einige gute Gründe, dies nicht zu tun:

Zeitaufwand, Kosten, Anonymität kann nicht gewahrt werden, Sorge um den Datenschutz, Gefahr von Abmahnungen, Spam etc.

  
2.20  Liebe

Die Liebe zur Partnerin wird als das wichtigste Mittel gegen die Folgen des sexuellen Missbrauchs angesehen.

Allerdings ist die Liebe kein Heilmittel, dies zeigt sich an den vielen zerbrochenen Partnerschaften. Die Liebe ist die Basis der Beziehung und eher vor den vielfältigen Folgeerscheinungen des sexuellen Missbrauchs zu bewahren.

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3.  Männer:

  
3.1  Anteil der Männer unter den Verbündeten

Man könnte vermuten: Die meisten Betroffenen sind Frauen, von ihnen haben die meisten einen männlichen Partner, also bilden die Männer wohl die Mehrheit der Verbündeten.

Aber:

Ein Teil der Betroffenen lebt überhaupt gar keine Beziehung zu einem Mann. Entweder weil sie es aufgrund der massiven Probleme nicht können oder weil sie eine andere sexuelle Ausrichtung haben.

Ein Teil der Betroffenen sucht sich auch bei Angehörigen und Freunden eher Frauen als Vertraute.

Je nachdem, wie groß diese Anteile tatsächlich sind, könnten Frauen unter den Selbsthilfe-Verbündeten (Partner, Angehörige, Freunde) durchaus die Mehrheit bilden.

Vermutlich wird bei Therapeuten und Ärzten auch eher eine Frau aus­gewählt, wenn denn eine Wahlmöglichkeit besteht.

  
3.2  Männer als Verbündete

Männer haben wohl mehr Probleme als Frauen, sich mit ihren Schwierig­keiten anderen zu offenbaren. Es wird immer noch als unmännlich angesehen, schwierige Situationen nicht lösen zu können. Männer zeigen ungern ihre Schwächen.

Der Mann als Verbündeter möchte einerseits mit der Partnerin mitfühlen und andererseits seine Stärke zeigen, wenn es der Partnerin mal schlecht geht.

  
3.3  Gefühle ausdrücken + Hilfe annehmen

Männer zeigen ihre Gefühle nicht gerne, weil dies als Schwäche angesehen wird.

Männer schämen sich, wenn sie als Mann nicht klarkommen, ein Problem nicht verbessern oder lösen können.

Männer versuchen erst mal ein Problem alleine zu lösen. Erst wenn das nicht klappt, wird um Hilfe gebeten. Die Probleme in der Beziehung zu einer Betroffenen von sexuellem Missbrauch müssen schon extrem schwierig sein, damit Hilfe gesucht und angenommen wird.

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3.4  Männer unter sich als Ratgeber

Möglicherweise suchen Männer bei Selbsthilfe und fachmännischer Hilfe eher einen Mann als Gegenüber, da sie sich eine männliche Sichtweise und Analyse ihrer Probleme wünschen.

  
3.5  Verdrängen der Probleme

Viel Arbeiten:

Probleme werden durch die Arbeit erst mal beiseite geschoben. Bei hoher Arbeitsbelastung ist vielleicht gar keine Zeit und Energie mehr vorhanden, um sich mit sexuellem Missbrauch zu beschäftigen.

Den Missbrauch mal beiseite schieben und sich mit etwas ganz anderem beschäftigen, das ist sicherlich überlebenswichtig.

Die aktive Bearbeitung der Folgeerscheinungen des sexuellen Missbrauchs ist allerdings auch wichtig.

Sexuellen Missbrauch ausgrenzen:

Internet und E-Mail gehören heute oftmals zum Arbeits- und Alltagsleben dazu. Durch einen E-Mail-Austausch über das Thema würde der sexuelle Missbrauch auch in diese Lebensbereiche eindringen.

  
3.6  Machtlosigkeit

Der Mann will helfen, hat aber als Partner nur begrenzte Möglichkeiten, um gegen die Folgeerscheinungen des sexuellen Missbrauchs vorzugehen. Er hat es mit einem übermächtigen Gegner zu tun.
Der Partner ist häufig bereit, unglaublich viel zu geben und auf viele Dinge zu verzichten. Trotzdem ist er oftmals hilflos den Folgen des Missbrauchs ausgeliefert.

  
3.7  Selbstzweifel als Mann

Da die meisten Verursacher von Gewalt bzw. sexueller Gewalt Männer sind, kann man durchaus an diesem Geschlecht zweifeln.

Vielleicht hat man als Mann selbst schon eine Frau aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt oder Gedanken und Handlungen bei sich entdeckt, die in irgendeiner Art und Weise gegen Frauen gerichtet waren.

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4.  Glückliche Verbündete

Verbündete, die in harmonischen Beziehungen leben und glücklich sind, kommen sicherlich nicht auf die Idee, aktiv zu werden.

Diese Verbündeten benötigen weder Informationen noch Austausch über das Thema sexueller Missbrauch bzw. sexuelle Gewalt.

Gerade glückliche Verbündete wären aber eine Bereicherung in Selbsthilfe-Projekten. Sie könnten den Verbündeten in schwierigen Beziehungen ihre erfolgreichen individuellen Lösungswege beschreiben.

Von erfolgreichen Heilungsschritten einer Überlebenden zu erfahren, das tut gut und nährt die eigene Hoffnung. Zu lesen, dass andere Betroffene den sexuellen Missbrauch ein Stück weit hinter sich lassen können und damit neue Lebens-Möglichkeiten haben, ist äußerst motivierend.

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5.  Ex-Verbündete

Zerbricht die Beziehung zu einer Betroffenen von sexuellem Missbrauch, so wird der Partner zum Ex-Verbündeten. Viele Ex-Verbündete beschäftigen sich nicht mehr mit dem schwierigen Thema Missbrauch, da sie ja nicht mehr betroffen sind.

Gerade die Ex-Langzeit-Verbündeten wären aber eine enorm wichtige Informationsquelle. Diese Ex-Partner haben wichtige Erfahrungen gemacht und nun auch den notwendigen Abstand zur Beziehungssituation, um anderen Verbündeten Hilfestellungen geben zu können.

Für jeden Verbündeten ist die Kenntnis der Zerbrechlichkeit der Beziehung wichtig. Kommt es tatsächlich zur Trennung, dann ist oftmals eine Nach­bearbeitung der Beziehungserfahrungen notwendig.

Im Selbsthilfe-Rahmen könnte möglicherweise auch eine Aufarbeitung der ehemaligen Partnerschaft stattfinden. Die gemeinsame Rückschau könnte wichtige Fragen klären.

Projekte nach dem Ende der Beziehung:

Manche Ex-Verbündeten starten Aktionen gegen sexuellen Missbrauch. Da die Belastung durch die Beziehung weggefallen ist, ist nun die notwendige Energie für Projekte zum Thema vorhanden.

Rat eines Ex-Verbündeten annehmen?

Einerseits ja: Der Ex-Verbündete hat möglicherweise jahrelang Mittel und Wege gefunden, um die Beziehung trotz der gravierenden Folgen des sexuellen Missbrauchs am Leben zu erhalten.

Andererseits nein: Da die Beziehung ja in die Brüche gegangen ist, werden andere Verbündete die Ratschläge wohl eher ignorieren.

Wertvoll und wichtig sind auf jeden Fall die Erfahrungen, die Ex-Verbündete gemacht haben. Sowohl aus den guten als auch aus den schlechten Erfahrungen können andere Verbündete profitieren.

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6.  Neu-Verbündete

Neu-Verbündete sind Menschen, die eine Beziehung zu einer Überlebenden eingehen oder während deren Beziehung gerade Traumatisches erlebt wurde bzw. erste Erinnerungen hochkommen. Wird man als Partner aus heiterem Himmel mit sexuellem Missbrauch bzw. sexueller Gewalt und den gravierenden Folgen konfrontiert, dann steht die Welt möglicherweise erst mal Kopf.

Gerade Neu-Verbündete benötigen sehr schnell möglichst viele und verständliche Informationen: Infos über sexuellen Missbrauch, die vielfältigen Folgeerscheinungen, die Heilungsdauer, die Auswirkungen auf die Partnerschaft, die Möglichkeiten und Grenzen der Hilfestellungen des Partners etc.

Für den Neu-Verbündeten ist die Situation vergleichbar mit dem Beginn einer Reise ins Ungewisse. Möglicherweise ist er erst mal vollkommen überfordert. Er benötigt Informationen und Hilfestellungen, die ihn ein Stück weit entlasten.

Neu-Verbündete benötigen auf jeden Fall die sensibel vermittelte Information, dass die Beziehung zu einer Betroffenen von sexuellem Missbrauch möglicherweise sehr zerbrechlich ist.

Ist der Partner überfordert bzw. nicht ausreichend informiert, dann wird die Beziehung zur Überlebenden vielleicht nur sehr kurze Zeit bestehen.

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7.  Potentielle Verbündete:

  
7.1  Unklare Ursachen der psychischen Belastung

Es können viele Jahre vergehen, bis für die Überlebende überhaupt die Möglichkeit oder die Sicherheit feststeht, dass hinter ihren bisherigen psychischen Problemen ein Missbrauchstrauma steckt. Die Betroffene kann auch ein relativ normales Leben geführt haben und muss sich nun plötzlich mit Erinnerungen an traumatische Erlebnisse in ihrer Kindheit beschäftigen.

Solange der sexuelle Missbrauch nicht als Ursache für die Belastungen erkannt worden ist, so lange ist den Betroffenen, den Partnern und den Angehörigen ihr Überlebenden- bzw. Verbündeten-Dasein noch nicht bewusst.

  
7.2  Zukünftige Verbündete

Wahrscheinlich kommen jeden Tag Partner und Angehörige in die Situation, sich erstmals mit sexuellem Missbrauch auseinandersetzen zu müssen.

  
7.3  Mehrere Beziehungen zu Überlebenden

Bei der großen Anzahl von Menschen, die in irgendeiner Form sexuellen Missbrauch bzw. sexuelle Gewalt erlebt haben, besteht durchaus die Möglichkeit, mehrmals eine Beziehung mit einer Betroffenen einzugehen.

  
7.4  Schweigende Überlebende

Vermutet die Überlebende ein sexuelles Trauma oder ist es ihr bereits bewusst, dann kann es durchaus sein, dass sie ihren Partner nicht darüber informiert. Scham und Ängste verhindern hier den Austausch in der Partnerschaft.

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8.  Schlusswort und Ausblick

Warum gibt es also so wenig Verbündete im Netz?

Wahrscheinlich treffen alle gefundenen Antworten mehr oder weniger zu. Es gibt sicherlich noch jede Menge andere Erklärungen.

Das Verbündeten-Dilemma:


Einerseits möchten Verbündete über ihre Lebens- und Beziehungssituation etwas schreiben bzw. sich austauschen und andererseits gibt es große Hindernisse und auch gute Gründe, dies nicht zu tun.

Die Zukunft:


Mit meiner Homepage möchte ich die vielen Verbündeten motivieren, sich zu informieren und aktiv zu werden – ob nun im Selbsthilfe-Bereich oder im fachmännischen Bereich der Hilfsangebote.

Ein Mensch, mit dem man sich über seine Lebenssituation und seine Gefühle austauschen kann, ist extrem wertvoll.

Beim Kampf gegen die Folgen des sexuellen Missbrauchs kann man wirklich jegliche Hilfe gebrau
chen.

29.07.11





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